Demenz im Knast – ein amerikanisches Experiment

Der demographische Wandel lässt sich auch mit Gittern nicht aussperren! So haben die Schweizer Gefängnisse nicht erst seit heute die Frage zu lösen, wie älter werdenden Gefangenen ein menschenwürdiges Leben hinter Gittern ermöglicht werden kann, vor allem in der Verwahrung. Seit 1984 hat sich der Anteil der verurteilten Straftäter, die älter als 60 Jahre sind, in der Schweiz mehr als verdreifacht. Die NZZ hat kürzlich über die Situation der Langzeitverwahrten am Lebensende in Schweizer Gefängnissen berichtet und die damit verbundene Überforderung des Personals und der Mitgefangenen als Hinterbliebenen geschildert. Das zeigt ein gleich mehrfach verdrängtes Problem unserer Gesellschaft: Weder Gefangene, noch alte Menschen und schon gar nicht das Sterben sind „gesellschaftsfähige“ Themen. Wie sonst liesse sich erklären, dass es bis heute nur vereinzelt Konzepte für Senioren im Gefängnis gibt – wie beispielsweise im Aargauischen Lenzburg.

Vor dem Sterben kommt jedoch zunächst das Leben und Altwerden im Gefängnis. Und damit auch der Bedarf nach Unterstützung und Pflege sowie die Frage nach Demenzerkrankungen. Ob die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, bei Gefangenen höher ist als in der übrigen Bevölkerung, darüber lässt sich nur spekulieren. Da jedoch Vorerkrankungen wie Schädel-Hirn-Traumata, HIV oder Depressionen bei Straftätern relativ häufig sind, gehören sie sicherlich zu einer klaren Risikogruppe für Demenz – einer wachsenden!

Auf eine solche Situation sind die Gefängnisse nicht vorbereitet – und nicht nur in der Schweiz. Da scheint es umso interessanter, wenn in den USA in einem bisher einzigartigen Experiment Straftäter ohne Aussicht auf Entlassung zu Pflegern und Betreuern von demenzkranken Mithäftlingen ausgebildet werden (eine spannende Reportage von Claas Relotius). Es klingt fast unglaublich, aber es scheint zu funktionieren: So werden nicht nur die fehlenden Pflegefachpersonen zumindest teilweise ersetzt, die ausgebildeten Gefangenen übernehmen Verantwortung und erhalten über diese das Gefühl gebraucht zu werden und eine sinnstiftende Aufgabe. Oder wie ein seit fast 30 Jahren inhaftierter Doppelmörder es ausdrückte: «Danke, dass ich mich wieder als Mensch fühlen darf.» Ein vielversprechendes Experiment eventuell auch für die Schweiz?

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