Wie stark steigt die Zahl der Menschen mit Demenz?

Die NZZ schreibt in ihrer heutigen Ausgabe, „dass die Häufigkeit von Demenz abnimmt„. So erfreulich die Meldung klingt, sie ist mit Vorsicht zu geniessen. Es gibt einzelne Studien, die auf ein vermindertes Demenzrisiko hindeuten. Das betrifft aber lediglich einzelne Länder und einzelne Gruppen von Menschen. Generelle Schlussfolgerungen und vor allem Rückschlüsse auf die Situation in der Schweiz sind nicht möglich. Es gilt, zu unterscheiden zwischen

  • der erfreulichen Entwicklung, dass Menschen in hochentwickelten Staaten der nördlichen Hemisphäre heute eine grössere Chance haben, auch im hohen Alter nicht an Alzheimer oder einer anderen Demenz zu erkranken,
  • und der Entwicklung der Fallzahlen in einem bestimmten Land.

Für die Schweiz liegen bisher keine (umfassenden) epidemiologischen Studien zur Demenzprävalenz* vor. Die Alzheimervereinigung hat sich für ihre Berechnung der Anzahl Menschen mit Demenz bisher auf Meta-Analysen europäischer Studien (EuroDEM) gestützt. Zum Vergleich wurden die in letzter Zeit immer wieder zitierten Prävalenzraten des internationalen Dachverbands Alzheimer’s Disease International auf die Bevölkerungsstatistik der Schweiz, die vom Bundesamt für Statistik jedes Jahr publiziert wird, angewandt. Dies ist eine durchaus auch in der Epidemiologie angewandte Methode, aber sie stellt natürlich nur ein Annäherung an die tatsächliche Situation dar. Die Ergebnisse beider Berechnungen weisen einen Unterschied von 10’000 Fällen für 2014 aus.  Der Vergleich mit  einer weiteren Datenquelle (EuroCODE) ergibt noch einmal eine grössere Anzahl Betroffener. Dies zeigt, dass es dringend erforderlich ist, konkrete Zahlen für die Situation in der Schweiz zu erheben (ähnlich den bereits bestehenden Krebsregistern). Nur so sind seriöse Massnahmen zur Prävention und gesundheitspolitische Massnahmen zur Sicherung einer qualitativ guten Versorgung entlang des ganzen Krankheitsverlaufs planbar.

Verschiedene Prognosen weisen unterschiedliche Richtungen (Erhöhung/Abnahme) sowie Grade der Veränderung aus. Wie gross der Einfluss einzelner Risikofaktoren aber tatsächlich ist und wie sich die Zahlen in Zukunft entwickeln werden – diese Frage lässt sich aufgrund einzelner Studienergebnisse nicht gültig beantworten. Insofern ist der Titel „Häufigkeit der Demenz nimmt ab“ in der NZZ nur teilweise zutreffend.

Aus meiner persönlichen Sicht als Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung können wir, die wir uns für ein besseres Leben mit Demenz einsetzen, uns über diese Entwicklung durchaus freuen. Es darf aber keine kurzschlüssige „Alles-nicht-so-schlimm-Stimmung“ aufkommen.Vorläufig wachsen die Fallzahlen weiter und die absolute Zahl der Menschen mit Demenz wird rein aufgrund der demografischen Entwicklung weiter steigen. Am grössten Risikofaktor, dem Alter, ändert sich nichts und auch nicht an der gesundheitspolitischen Herausforderung, die Demenzerkrankungen darstellen.
 *Prävalenz benennt den prozentualen Anteil der Personen innerhalb einer bestimmten Gruppe, die  von einer Krankheit betroffenen sind. So geht man davon aus, dass von den 65-69jährigen Männern ca. 2 Prozent von Demenz betroffen sind, bei den über 90jährigen sind es 30 Prozent.

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